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Geld war mir bäh-bäh Hannes Wader, 64, geht auf Tour. Rente? Er muss noch lange singen. Wir sprachen mit ihm über sein finanziell und politisch bewegtes Leben. Ein Interview von Jan Kühnemund ZEIT online: Seit über vierzig Jahren schreiben Sie Lieder, Mal angenommen ist Ihr 32. Album was war der schönste Abschnitt dieses langen Weges? Hannes Wader: Ich werde in diesem Jahr 65. Die Katastrophen der Vergangenheit glätten sich in der Erinnerung. Je weiter wir entfernt sind, desto rosiger färben sie sich ein. Spontan fällt mir ein: Ich möchte nicht noch einmal jung sein. ZEIT online: In welchem Sinn? Wader: Es gibt bei Edith Piaf den Satz "Je ne regrette rien", das kann ich nicht sagen. Ich bereue eine ganze Menge. Viele dichten: "Ich würde alles wieder genauso machen", das kann ich auch nicht sagen. Ich habe viel Scheiße gebaut in meinem Leben. Ich bin froh, das hinter mir zu haben. ZEIT online: Aber es gibt auch schöne Erinnerungen? Wader: Natürlich. Auf der Platte gibt es das Stück Gute Tage, da sind schöne Erinnerungen, die wieder hochkommen. Gewalt ist das Gegenteil, da geht es um traumatische Erfahrungen, die mich bis heute begleiten. Brecht sagte: "Der Künstler soll Erfahrungen mitteilen." Das habe ich versucht. ZEIT online: Eine ihrer ersten Platten hieß Ich hatte mir noch so viel vorgenommen, da waren Sie keine dreißig. Das klingt so abgeklärt, war Ihnen die Jugend schon damals ein Graus? Wader: Da habe ich noch gar nicht so drüber nachgedacht. Wenn man jung ist, ist so eine Attitüde prickelnd. Das macht Spaß, dabei hat man noch gar nichts erlebt. ZEIT online: Einige Texte der neuen Platte knüpfen an ältere Lieder an. Trotz alledem aus dem Jahr 1975 singen Sie mit einem neuem Text. Wader: Warum soll man sich nicht wiederholen? Elton John hat das immer erfolgreich getan. Das macht den Stil und die Eigenart des Künstlers aus. Man hat ja nicht mehr zur Verfügung, als seine eigene Sicht auf die Dinge. ZEIT online: Trotz alledem III ist ein wütendes Stück über das Leben im Kapitalismus. Sie haben es jetzt zum dritten Mal aufgenommen. Wader: Trotz alledem ist eine Grundhaltung, die man einnehmen kann. Wenn alles den Bach runtergeht und alles hoffnungslos erscheint, muss man sich trotzdem dagegenstellen, selbst wenn man um die Vergeblichkeit weiß. Diese Haltung steckt in vielen meiner Lieder, ich habe sie nie aufgegeben. ZEIT online: Sie singen von der Hoffnung, Sand im Getriebe zu sein. Können Lieder die Verhältnisse verändern? Wader: Sand im Getriebe bin ich ab und zu schon gewesen. Ich habe immer Rückmeldung bekommen von Leuten, die mir nach Jahrzehnten mitteilen wollen, dass meine Lieder sie ein Lebtag begleitet haben und ihnen immer wichtig waren und sie geprägt haben. Das ist der Tenor vieler Briefe. Ich bekomme nicht so viele Briefe wie Grönemeyer und Robbie Williams, aber die paar, die ich kriege, die vermitteln das. So bin ich froh, nicht wirkungslos geblieben zu sein. ZEIT online: Sie spielen auf ihre Mitgliedschaft in der DKP an. 1991 sind Sie ausgetreten. Auf der neuen Platte singen Sie davon, dass die Sozialdemokratie als politische Heimat nie wirklich in Frage gekommen sei. Gibt es eine politische Heimat heute überhaupt noch für Sie? Wader: Nicht im Sinne einer Partei. Es gibt Initiativen, die mir vernünftig erscheinen, die unterstütze ich. In einer Partei gibt es zu viele Zwänge. In meiner Zeit in der DKP hatte ich diese Zwänge nicht, war aber Ende der Achtziger politisch ermüdet. Ich sah viele Widersprüche, die ich vorher nicht sehen konnte oder sehen wollte. Mein Verhältnis zur DKP ist nicht ohne Sympathie. Es gab keinen Bruch, ich habe die Partei nur verlassen. Es interessiert mich nach wie vor, was die Kommunisten vorhaben. Damals war es für mich eine Sache von Leben und Tod, ich war ermüdet von meiner Einzelkämpfersituation. Ich fühlte mich angreifbar und unglücklich. Ich hatte mich freiwillig den Maßgaben einer Partei unterworfen, das war wichtig und richtig und gut gewesen. Das hatte seine Zeit. Jetzt bin ich wieder ein wie organisierte Linke sagen frei schwebendes Arschloch. Damit fühle ich mich wohl. ZEIT online: Sie gelten als politischer Sänger. Wie kommt die Politik zu Ihnen in die Provinz Schleswig-Holsteins? Über das Fernsehen? Wader: Ich gucke seit zwanzig Jahren kein Fernsehen. Ich merke das gar nicht, dass ich das nicht tue, ich habe das Gefühl, die anderen wissen auch nicht mehr als ich. Ich bin grundsätzlich kein politischer Kopf. Das war auch ein Grund, warum ich in die Partei eingetreten bin, da konnte ich die Genossen immer fragen: "Wie schätzen wir das ein?" Hach, war das schön. Jetzt muss ich immer denken. Es macht mir unglaubliche Mühe, Vorgänge zu begreifen und einzuschätzen. Ich habe nicht das geringste Interesse an Tagespolitik. Ich muss nur schmerzhaft immer wieder erfahren, dass die Politik unser Dasein bestimmt und ich mich deshalb damit auseinandersetzen muss. ZEIT online: Die Politik taucht in Ihren Liedern eher als Zeitgeschichte auf, persönliche Erinnerungen im Spiegel historischer Ereignisse Wader: Wenn es einen Zeitraum gibt, den ich untersuchen kann, dann fühle ich mich sicherer, als wenn ich auf etwas Aktuelles reagieren muss. Nehmen Sie die Kinderpolitik von Frau von der Leyen. Da fragen sich die Leute, ob der Sozialismus bei der CDU ausgebrochen sei, also setze ich mich auch mit der Frage auseinander. Meine Grundüberzeugung sagt nein. Eine höhere Tochter mit sieben Kindern, die zwei Studien absolviert hat und einen Mann hat, der Mediziner ist, die selbst als Assistenzärztin und Chirurgin gearbeitet hat und vier Jahre in den USA zugebracht hat um gastzuhören... Da sträuben sich mir die Nackenhaare. Ich komme aus dem Proletariat, meine Mutter war genauso schlau, wie die von der Leyensche, aber die musste putzen und hat sich einen Bruch gehoben. Und hat mit Mühe und Not mich und meine zwei Schwestern durchgebracht. Da übermannt mich ein Zorn, und das ist kein politischer, sondern ein ganz persönliches Vorurteil, ein Klassenvorurteil. So gehe ich mit Politik um. Unsachlich. Ich bin nicht fähig, sachlich zu sein, was solche Dinge angeht. Ich bin kein politischer Kopf, ich bin ein politischer Bauch allenfalls. ZEIT online: Das hört man den Liedern oft nicht an Wader: Die Lieder entstehen in hämorrhoidenerzeugenden Sitzungen am Schreibtisch, jeder Gedanke wird tausendmal durchsiebt und durchgefummelt, bis ich mir sicher bin: Das kann ich so sagen, ohne mich zu blamieren. Das ist anders als im Gespräch. Beim Reimen kann ich mich bei jedem Wort fragen, ob ich das überhaupt so meine. Vielleicht wird es deshalb als politisch profund empfunden. ZEIT online: Eine große Rolle spielt Ihre Sprache. Die meisten Sänger werden ausgelacht, wenn sie vom "Kapital" und vom "faulenden System" singen. Warum klingt das bei Ihnen anders? Wader: Das ist eine Frage der Sozialisation, der Klasse, aus der jemand kommt. Ich hätte das alles nie so machen können, wenn ich akademisch sozialisiert wäre. Ich war acht Jahre lang auf einer vierklassigen Zwergschule, es fehlt mir an allem Möglichen. Ich habe lange gebraucht, zu merken, dass das ein unschätzbarer Vorteil ist. ZEIT online: Ist das Schreiben heute Ihre Hauptbeschäftigung? Wader: Früher war das nicht so, heute schon. Als ich anfing, habe ich jahrelang Gitarre gespielt, bis das Blut die Saiten runterlief. Ich habe das gar nicht gemerkt, so eine besessene Freude hatte ich daran. Erst als mir klar wurde, dass das Arbeit war, wurde mir das verleidet. Ich hatte eine Abneigung gegen Arbeit. Alles was mit Arbeit zusammenhing, hat zu Hause die Familie und das Leben schwer geschädigt. Zwischendurch gab es eine Krise, da habe ich nicht gern gesungen. Da drohte die Last der Schulden, der Vergeblichkeit, der Mühen und der eigenen Dämlichkeit über mir zusammenzustürzen. Wenn ich das Wort Gitarre hörte, musste ich kotzen. Ich habe mich da herausgearbeitet und habe großes Vergnügen an der Musik, am Spielen und Singen. Seit vielen Jahren stehe ich morgens auf und trinke einen Kaffee und habe dabei schon die Gitarre in der Hand. Zwitschern wie eine Nachtigall zum Frühstück, das ist das Schönste. ZEIT online: Wie stark motiviert Sie Ihre Umgebung? Auf der neuen Platte legen sie Freunden in den Mund, "Hannes, Mensch, schreib doch endlich mal wieder einen politischen Song". Wader: Als ich anfing, Lieder zu schreiben, gab es schon Leute, die mich fragten, warum ich das denn nicht anders machen würde. Richtig machen würde. Und ich habe mir den Schuh angezogen, ich habe mir selber nicht geglaubt, dass das, was ich machte, völlig einzigartig war. Auch wenn es mich für meine Verhältnisse, als Junge vom Lande explosionsartig bekannt gemacht hat. Ich habe mich immer gefragt: "Mensch, du kannst doch Lieder schreiben, warum schreibst du nicht gute Lieder?" Darunter habe ich sehr gelitten und tu es bis heute. Ich habe große Probleme mit dem einverstanden zu sein, was ich mache. Ich muss mir das richtig sagen, dass das ganz in Ordnung ist, was ich mache. Empfinden kann ich es nicht. Ein großer Teil der Motivation kommt aber wirklich von außen. Neid ist ein wunderbarer Motor. Auch Resignation. Es geht nichts über eine knackige Resignation, das ist sehr beflügelnd. Das sind die Mühen, die kreativ machen. Ich kann das nicht begreifen, dass es Leute gibt, die nicht resignieren. Denen entgeht was. Man muss natürlich wieder rauskommen, das kostet Kraft. Viele Leute denken, Inspiration und Kreativität flögen einem zu, aber so funktioniert das nicht. ZEIT online: Welche Rolle spielten die Musiker, mit denen Sie die Platte aufgenommen haben? Wader: Bei der Aufnahme waren sie sehr wichtig, jeder von ihnen hatte eine Stimme. Ich habe die Lieder geschrieben und ihnen vorgestellt, sie haben dann spontan etwas dazu gespielt oder ein Arrangement geschrieben. Auf der Tour sind sie nicht dabei, das hat keine ästhetischen Gründe, sondern finanzielle. Ich kann es mir nicht leisten, meine Gage zu teilen. ZEIT online: Aber es geht nicht nur um Altersvorsorge, wenn Sie auf Tour gehen? Wader: Zu 50 Prozent geht es um Altersvorsorge. Ich habe lange Zeit schlecht gewirtschaftet. Als echter Achtundsechziger als der ich mich empfand war das Geld für mich bähbäh, etwas, das abgeschafft gehörte. Ich habe immer an dem Dilemma genagt, dass Ruhm nicht ohne Reichtum zu bekommen ist. Man kann nicht bekannt werden, ohne dass sich das Konto füllt. Selbst als Serienvergewaltiger kann man das nicht, dann kommen der Stern oder die Bunte und kaufen die Geschichte. Und schon ist man reich, ganz gleich was man macht. Für irgendjemanden hat der Name in der Öffentlichkeit immer einen merkantilen Wert, so ist das im Kapitalismus. ZEIT online: Der Glaubwürdigkeit halber musste das Geld schnell weg? Wader: Genau, die Kohle goss sich in Höllenströmen über mir aus. Jedenfalls für meine Verhältnisse. Und das musste weg. Und irgendwann hat das Geld mir das übel genommen, und ich stand plötzlich da mit zweieinhalb Millionen Schulden. Die habe ich inzwischen abbezahlt. Ich habe eine junge Familie, ich muss gesund bleiben und noch lange, lange singen. Aber es geht wirklich nicht nur darum. Ich freue mich auf meine Auftritte, wie ein Pferd, das lange im Stall gestanden hat. Das ist schön. Die positive Resonanz macht es einfach, ich hoffe, es bleibt so. Ich muss noch mindestens zehn Jahre am Ball bleiben. ZEIT online: Ist eine neue Generation von Anhängern nachgewachsen, oder sehen Sie bei den Konzerten immer wieder die gleichen Leute? Wader: Die meisten sind mit mir älter geworden. Bescheiden, aber bemerkbar, kommt junges Publikum nach. Das freut mich, denn ich habe ja nun keine besondere Botschaft an sie zu richten. Ich versuche ja nicht, einen der Jugend entsprechenden Ton zu finden. Im Gegensatz, das ist doch eher altmodisch, was ich mache. Immer noch der Mann mit der Gitarre, wie vor fünfzig Jahren. Oder vor tausend, wie Walther von der Vogelweide. ZEIT online: Dem Publikum scheint das aber ja zu gefallen. Überraschen Sie sich selbst noch bei solchen Auftritten? Wader: Wenn ich das viertelstündige Familienerbe fehlerlos hinbekomme, gebe ich mir einen aus. Als ich jung war, habe ich viel häufiger meine Texte vergessen. Aber das war die antiautoritäre Zeit, da habe ich gesagt, "Ihr könnt mich mal, ich kann meine eigenen Lieder so oft vergessen, wie ich will!" Wenn ich das heute sage, dann ist das senil. Deswegen ist der Ablauf auch ganz genau geplant, Änderungen sind mir ungelegen. Es gibt natürlich regionale Besonderheiten. Wenn ich im Emsland spiele, muss ich natürlich die "Moorsoldaten" singen, in Hameln muss ich den "Rattenfänger" spielen. Aber es kostet mich extra Arbeit. ZEIT online: Ohne ganz bestimmte Klassiker lassen die Leute Sie nicht nach Hause gehen, oder? Wader: Seit 35 Jahren beginne ich jedes meiner Konzerte mit Heute hier, morgen dort. Irgendwann hatte ich mal die Schnauze voll, da habe ich zwei Jahre lang Gut wieder hier zu sein als erstes gespielt. Länger habe ich das nicht durchhalten können, die Leute wollten das andere Lied hören. Ist ja auch schön. Heute spiele ich es wieder gern. Wahrscheinlich werde ich es bis an mein Lebensende jedem Konzert voranstellen. © ZEIT online März 2007 |
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Robert Weißenberger |
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