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MM gibt Hoffnung für alle

© Falko Hennig

Unbeteiligt und journalistisch neutral kann ich nicht über Manfred Maurenbrecher schreiben, zu diesem Zweck empfehle ich Wikipedia und die verschiedensten Lexika. Aber darüber, was er für uns bedeutet, möchte ich Auskunft geben. Manche Freunde von früher nennen ihn Mauri, für uns ist er Manfred, im folgenden mag er MM heißen.

MM steht am Anfang meiner Lesebühnenlaufbahn, sogar am Anfang der ältesten noch bestehenden Lesebühne, der Reformbühne Heim & Welt, 1995 auf dem kleinen Podium des Schokoladens in der Ackerstraße in Berlin Mitte. Ich saß mit Ahne im Publikum, da war ein Mann mit Hornbrille, der erzählte, wie er bei Dreharbeiten wegen seiner Ähnlichkeit mit Fassbinder den Regisseur in einem Film spielte: MM als Fassbinder-Darsteller. Aber was MM von dem manischen Kokser und Filmemacher unterscheidet, ist sein Humor, schön schwarz. Mag sein, dass auch Fassbinder Humor hatte, aber in seinen Filmen ist mir davon bisher noch nichts aufgefallen.

Bei MM ist dagegen fast jeder Song lustig und ernst zugleich. Und wenn ein Lied von ihm doch ohne das komische Element auskommt, dann sind jedenfalls andere starke Emotionen im Spiel, Sehnsucht und Entfremdung im "Hafencafé", Neugierde von "Kleinen Forschern im ewigen Eis".

MM singt einfach "Hoffnung für alle" und singt es nicht nur, er hat es geschrieben und was für uns am wichtigsten ist: Er gibt sie uns.

Hoffnung, dass wir auch noch mit Mitte 40 zu ganz neuen Ufern aufbrechen, so wie MM zu den Lesebühnen, im Wissen, dass er damit kaum einen grünen Heller verdienen wird und sich stattdessen mit den Dummheiten von Mitzwanzigern zu beschäftigen hat. Er gibt uns Hoffnung, dass wir vielleicht mit 60 ähnlich vital durch die Weltgeschichte fahren, von Konzert zu Lesung zu Radioshow, dass wir ähnlich begierig Neues erfahren, lesen, singen und musizieren wollen, wie er. Vielleicht wünschen wir uns, mit 60 etwas dünner zu sein, ja, das wohl schon. Aber hey! Wenn wir uns mit 50 das Rauchen abgewöhnt haben, was sind dann schon ein paar Kilo?

Wir wollen so werden wie er, warum sollten wir in einem Stadion auftreten, wenn wir mit ihm im Kaffee Burger oder in einem anderen von unzähligen kleinen Clubs sein können?

Was ich an MMs Musik am meisten mag, ist die meditative Wirkung. Manchmal weiß ich nach einem Lied gar nicht mehr genau, worum es eigentlich ging, weil meine Gedanken in Parallelwelten und Erinnerungen abgeschweift sind. Nicht beliebig, sondern meine Traumsegel sind von MMs Assoziationen gebläht und tragen mich über und in mein Unterbewusstsein.

Wegen MM saß ich gefühlte zehn Stunden in einem Stück von Hans Henny Jahnn im Heizungskeller der Volksbühne. Das einzige was mich hielt, war die Aussicht, alles danach von MM erklärt zu bekommen. Denn seine Doktorarbeit über den norddeutschen Schriftsteller ist mindestens so lesenswert wie Jahnns Werk. Wegen MM würde ich mir sogar gern "Alarm für Cobra 11" ankucken, jedenfalls die Folgen, die er geschrieben hat.

Ich war nie ein Bob-Dylan-Fan, habe Dylan nicht einmal bewusst gehört. Aber durch MM habe ich mir inzwischen schon drei Konzerte mit Dylan angesehen, denn wenn jemand wie MM ihn gut findet, dann muss an dem Mann was dran sein. Und ja: Dylan ist schon groß, aber bei einem der Konzerte war Dylan recht schlecht bei Stimme, er krächzte so schlimm, dass "heiser" ein Euphemismus wäre.

Vielleicht werde ich mir auch noch ein noch schwierigeres Stück von Jahnn ansehen und auch auf ein Konzert von Dylan gehen, in dem Bob nur noch hustet, wenn ich mir danach von MM erklären lassen kann, warum es großartig war.

Dort, wo MM in Wilmersdorf lebt, scheint es das alte, piefige Westberlin mit Harald Juhnke, Günter Pfitzmann und Rolf Eden noch zu geben. Aber MM steht dagegen, er ist das gute alte Westberlin, politisch engagiert, links und skeptisch, lebenslustig und neugierig, innovativ und experimentierfreudig. Das gute Berlin lebt mit Manfred in Wilmersdorf, in allen Bezirken und wo immer er gerade auftritt, gastiert oder wo eine CD von ihm gespielt wird.

MM hat ein Talent für Freundschaften, ich erinnere mich an seinen 50. Geburtstag und an seinen 60., im Abstand von einem Jahrzehnt waren eigentlich nur neue Freunde hinzu gekommen und keiner verschwunden. Keine Ahnung, ob das eine gelungene Künstlerkarriere ist, was uns MM vorlebt. Aber ungefähr so wie er wollen wir sein, wenn wir 60 sind. Auch wenn uns dann niemand eine 3-CD-Box mit Tribut-Songs zum Jubiläum schenken wird. Aber wenn wirs geschafft haben, etwas vom Maurenbrecher-Touch mitzunehmen, dann hat sich die Hoffnung erfüllt, die er uns ins Herz gesungen hat.

Berlin, 19. IX. 10

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Robert Weißenberger
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